Ende. Wende. Neubeginn: 20 Jahre Thüringen
Am 7. Oktober 1989 feierte die Deutsche Demokratische Republik ihr 40-jähriges Bestehen. Und damit auch die gewachsenen Strukturen der Planwirtschaft. Thüringen blickte, wenn auch nicht als Freistaat, bereits auf einige Fertigkeiten, die sich in der Zukunft als lohnende Wirtschaftszweige etablieren sollten.
So gab es die Werkzeugmacher in Südthüringen, nicht zuletzt auch wegen der Produktion des Wartburgs in Eisenach oder der Simson aus Suhl, die Mikroelektronik in Erfurt, die Textilverarbeiter rund um Gera, die Keramik um Hermsdorf oder die Motorenproduktion in Nordhausen.
Nur wenige Tage nach dem Jahrestag fiel am 9. November 1989 die Berliner Mauer. Mit der damit neu gewonnenen Freiheit war gleichzeitig auch die Freisetzung der Volkseigenen Betriebe verbunden, die in die dafür gegründete Treuhandgesellschaft eingegliedert wurden. Vieles wurde zerschlagen, entrümpelt und verkauft – einiges wurde erhalten, saniert und aufgebaut.
Im zwanzigsten Jahr der Wiedervereinigung ist das Grund genug für den Wirtschaftsspiegel, in seinen kommenden Ausgaben genauer auf Unternehmen zu schauen, die entweder aus dieser Zeit gewachsen sind, oder auch schon vorher Bestand hatten. Unternehmen mit Tradition, teilweise Zwangsenteignet, die sich nach der politischen Wende zu neuem Glanz erhoben haben.
Die Zeit des Umbruchs war auch die Zeit der Chancen. Wenn auch nicht von Anfang an klar war, wohin sich Thüringen entwickeln würde, was mit der Technik und den Liegenschaften durch die Treuhand passieren würde, das technische Know-how, die Fertigkeiten und Fähigkeiten der Menschen stand uneingeschränkt zur Verfügung. Natürlich gab es genügend Probleme – technische Entwicklungen waren nicht auf westlichem Stand, die jahrelang gewachsene Praxis der Planwirtschaft musste von heute auf morgen aus den Köpfen.
Heute steht Thüringen mit seiner Branchen- und Unternehmensvielfalt im Vergleich der neuen Bundesländer, nach einer kürzlich veröffentlichten Studie der Commerzbank anlässlich des Jahrestages des Mauerfalls, wirtschaftlich kurz hinter Sachsen und Sachsen-Anhalt. Geprägt ist die Wirtschaftsstruktur durch eine sehr hohe Anzahl kleiner und mittelständischer Unternehmen. Viele davon sind aus den ehemaligen Großbetrieben der DDR entstanden. Allein in der Mikroelektronik gab es über 50.000 Beschäftigte in Thüringen, größtenteils beim Kombinat Carl Zeiss Jena und dem Kombinat Mikroelektronik „Karl Marx“ in Erfurt. Schon 1986 beispielsweise fasste das Politbüro der SED den Beschluss, das „Projekt Mikron“ voranzutreiben. Die Planung sah eine Entwicklung eines 1-Megabit-DRAM Speicherchips vor. Hauptabnehmer war der Militärapparat der UdSSR. Bis 1994 sollte die Entwicklung abgeschlossen und die Serienproduktion angeschoben sein. Dass alles anders kam, ist hinlänglich bekannt, doch verdeutlicht dieses Beispiel das Know-how, welches dem neuen Markt zur Verfügung stand.
Aber neben der heutigen IT-Branche wuchsen letztlich auch die anderen großen Thüringer Industrien, wie die Automotive, die Optik, die Keramikbranche oder die Kunststoffindustrie nicht zuletzt aus dem Potenzial der Menschen. Auch die gerne zitierten Leuchttürme der Thüringer Wirtschaft wie Schott, Jenoptik oder Carl Zeiss profitieren von den Fertigkeiten ihrer Mitarbeiter. Schlecht war längst nicht alles – lediglich das System. Und das galt es in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung neu auszurichten. Der erste Wirtschaftsminister der neu gewählten Landesregierung war der FDP-Politiker Hans-Jürgen Schultz, der die Monostruktur Thüringens aufbrechen musste. Nach seinem Rücktritt, offiziell aus gesundheitlichen Gründen, übernahm Dr. Jürgen Bohn das Amt und führte es bis 1994. Seine Förderpolitik unter anderem legte den Grundstein für die heutige Vielfältigkeit und die mittelständische Prägung Thüringens, wie auf den folgenden Seiten zu lesen ist.
Heute schafft es Thüringen dank seiner Aufstellung auch eine Wirtschaftskrise zu bestehen. Das ermöglichen die Strukturen, das Know-how und das Durchhaltevermögen und die Kraft Thüringer Unternehmer. (rw)

