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15.03.10 14:16 Alter: 174 days

 

Ende. Wende. Neubeginn: 20 Jahre Thüringen


Am 7. Oktober 1989 feierte die Deutsche De­mokratische Republik ihr 40-jähriges Beste­hen. Und damit auch die gewachsenen Struk­turen der Planwirtschaft. Thüringen blickte, wenn auch nicht als Freistaat, bereits auf ei­nige Fertigkeiten, die sich in der Zukunft als lohnende Wirtschaftszweige etablieren soll­ten.


So gab es die Werkzeugmacher in Süd­thüringen, nicht zuletzt auch wegen der Produktion des Wartburgs in Eisenach oder der Simson aus Suhl, die Mikroelek­tronik in Erfurt, die Textilverarbeiter rund um Gera, die Keramik um Hermsdorf oder die Motorenproduktion in Nordhausen.

 

Nur wenige Tage nach dem Jahrestag fiel am 9. November 1989 die Berliner Mauer. Mit der damit neu gewonnenen Freiheit war gleichzeitig auch die Freisetzung der Volkseigenen Betriebe verbunden, die in die dafür gegründete Treuhandgesell­schaft eingegliedert wurden. Vieles wurde zerschlagen, entrümpelt und verkauft – ei­niges wurde erhalten, saniert und aufge­baut.

 

Im zwanzigsten Jahr der Wiederverei­nigung ist das Grund genug für den Wirt­schaftsspiegel, in seinen kommenden Ausgaben genauer auf Unternehmen zu schauen, die entweder aus dieser Zeit ge­wachsen sind, oder auch schon vorher Bestand hatten. Unternehmen mit Tradi­tion, teilweise Zwangsenteignet, die sich nach der politischen Wende zu neuem Glanz erhoben haben.

 

Die Zeit des Umbruchs war auch die Zeit der Chancen. Wenn auch nicht von An­fang an klar war, wohin sich Thüringen entwickeln würde, was mit der Technik und den Liegenschaften durch die Treu­hand passieren würde, das technische Know-how, die Fertigkeiten und Fähig­keiten der Menschen stand uneinge­schränkt zur Verfügung. Natürlich gab es genügend Probleme – technische Ent­wicklungen waren nicht auf westli­chem Stand, die jahrelang gewach­sene Praxis der Planwirtschaft musste von heute auf morgen aus den Köpfen.

 

Heute steht Thüringen mit seiner Bran­chen- und Unternehmensvielfalt im Ver­gleich der neuen Bundesländer, nach ei­ner kürzlich veröffentlichten Studie der Commerzbank anlässlich des Jahrestages des Mauerfalls, wirtschaftlich kurz hinter Sachsen und Sachsen-Anhalt. Geprägt ist die Wirtschaftsstruktur durch eine sehr hohe Anzahl kleiner und mittelständi­scher Unternehmen. Viele davon sind aus den ehemaligen Großbetrieben der DDR entstanden. Allein in der Mikroelektronik gab es über 50.000 Beschäftigte in Thü­ringen, größtenteils beim Kombinat Carl Zeiss Jena und dem Kombinat Mikroelek­tronik „Karl Marx“ in Erfurt. Schon 1986 beispielsweise fasste das Politbüro der SED den Beschluss, das „Projekt Mikron“ voranzutreiben. Die Planung sah eine Ent­wicklung eines 1-Megabit-DRAM Spei­cherchips vor. Hauptabnehmer war der Militärapparat der UdSSR. Bis 1994 sollte die Entwicklung abgeschlossen und die Serienproduktion angeschoben sein. Dass alles anders kam, ist hinlänglich bekannt, doch verdeutlicht dieses Beispiel das Know-how, welches dem neuen Markt zur Verfügung stand.

 

Aber neben der heutigen IT-Branche wuchsen letztlich auch die anderen gro­ßen Thüringer Industrien, wie die Auto­motive, die Optik, die Keramikbranche oder die Kunststoffindustrie nicht zuletzt aus dem Potenzial der Menschen. Auch die gerne zitierten Leuchttürme der Thü­ringer Wirtschaft wie Schott, Jenoptik oder Carl Zeiss profitieren von den Fertig­keiten ihrer Mitarbeiter. Schlecht war längst nicht alles – lediglich das System. Und das galt es in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung neu auszurichten. Der erste Wirtschaftsminister der neu gewählten Landesregierung war der FDP-Politiker Hans-Jürgen Schultz, der die Monostruktur Thüringens aufbrechen musste. Nach seinem Rücktritt, offi­ziell aus gesundheitlichen Gründen, übernahm Dr. Jürgen Bohn das Amt und führte es bis 1994. Seine Förderpolitik unter anderem legte den Grundstein für die heutige Viel­fältigkeit und die mittelständische Prä­gung Thüringens, wie auf den folgenden Seiten zu lesen ist.

 

Heute schafft es Thüringen dank seiner Aufstellung auch eine Wirtschaftskrise zu bestehen. Das ermöglichen die Struktu­ren, das Know-how und das Durchhal­tevermögen und die Kraft Thüringer Un­ternehmer. (rw)

 

 

 

 

 

 

Rubrik: Wendegeschichten