"Neuer Schwerpunkt für ganz Europa"
Das Hermsdorfer Institut für Technische Keramik (HITK) ist seit Anfang Februar in die Fraunhofer-Gesellschaft integriert. Zugehörig zum Dresdner Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme (ITKS) wird in Hermsdorf nun unter neuem Namen aber mit gebündelter Kompetenz an Technischen Keramiken geforscht. Der Wirtschaftsspiegel Thüringen sprach mit Prof. Hans-Jörg Bullinger, dem Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft und Prof. Alexander Michaelis, dem ITKS-Leiter in Dresden über die Anbahnung der Integration, neue Aufgaben und den Fraunhofer Standort Thüringen:

Prof. Hans-Jörg Bullinger, Präsident Fraunhofer-Gesellschaft

Prof. Alexander Michaelis, Leiter IKTS Dresden/ Hermsdorf
Wirtschaftsspiegel: Welche Aufgaben übernimmt das HITK, wenn es in das Fraunhofer Institut angegliedert wurde?
Prof. Michaelis: Eingegliedert ist der falsche Ausdruck. Wir werden ein Institut mit zwei Standorten, die inhaltlich sehr komplementär ausgerichtet sind. Wir werden beide in Werkstoffen tätig bleiben, allerdings die Thematiken untereinander aufteilen.
Wirtschaftsspiegel: Wie kam das zustande. Gab es im Vorfeld schon Kooperationen?
Prof. Michaelis: Natürlich gab es im Vorfeld schon Kooperationen. Wir sind von der Materialentwicklung bis hin zu den fertigen Produkten relativ ähnlich ausgerichtet. Als ich 2004 mein Amt übernahm, sah ich mich in der Institutslandschaft um, mit wem man sich alles vernetzen könnte. Die ultima ratio der Vernetzung ist dann natürlich die Integration, weil man effektiver arbeiten kann. Das Fraunhofer Institut sieht sich ja als Technologietransfer mit der Wirtschaft aus. Das HITK in Teilen auch. Und zusammen werden wir noch schneller.
Wirtschaftsspiegel: Der Freistaat Thüringern unterstützt das Vorhaben. Wie werden die Fördermittel eingesetzt?
Prof. Bullinger: Das ist richtig. Wir werden mit über 20 Millionen Euro gefördert. Es werden drei neue Gebäude entstehen, und natürlich muss auch Personal aufgebaut werden. Wir wollen zunächst alle 131 Mitarbeiter des HITK übernehmen und weiter aufstocken. Außerdem gibt es eine Grundfinanzierung. Die kommt zu 90 Prozent vom Bund und zu zehn Prozent vom Land und macht im gesamten nur ein Drittel unserer Finanzierung aus. Den Rest erwirtschaftet das Institut selbst. Der Aufwand wird, wenn das alles eingeschliffen ist für das Land viel geringer, als es beim HITK der Fall war. Allerdings werden die ersten Investitionen, also die Gebäude und die Erstausstattung zu 50 Prozent vom Land getragen.
Wirtschaftsspiegel: Hat die Fraunhofer Gesellschaft eigene Investitionen am Standort geplant?
Prof. Bullinger: Natürlich. In dem Maße, wie die Mitarbeiter wachsen, werden wir auch Gebäude und Anlagen planen, so wie wir es auch in Dresden und Chemnitz gemacht haben.
Wirtschaftsspiegel: Sie haben mit dem HITK in Hermsdorf jetzt den vierten Standort in Thüringen. Welche Bedeutung hat der Freistaat damit für die Fraunhofer Gesellschaft?
Prof. Bullinger: Wenn wir das im Vergleich zur Größe des Bundeslandes sehen, muss man sagen, dass wir sehr massiv vertreten sind in Sachsen und in Thüringen haben wir stark ausgebaut. Gerade im Bereich der technischen Optik in Jena sind wir enorm gewachsen. Auch in Ilmenau kommen wir immer besser voran. Mit dem, was wir nun mit dem HITK auf dem Gebiet der Keramikforschung betreiben können, kann man wahrscheinlich sagen, dass hier der Schwerpunkt für ganz Europa liegt. Allgemein kann man sagen, dass wir im Osten sehr gut vertreten sind und auch, dass die Institute hier den gleichen Ertrag erwirtschaften, wie die im Westen. Das Wichtigste für die Fraunhofer Gesellschaft ist, die Menschen zu finden, die wir brauchen, gute Teams, mit denen wir arbeiten können, und dafür spielt der Standort eigentlich keine Rolle.
Wirtschaftsspiegel: Gibt es eine Kooperation mit dem Mikro- und Nanotechnik-Netzwerk?
Prof. Michaelis: Selbstverständlich gibt es hier bereits Kooperationen. Denn Keramik heißt ja nicht nur Hochspannungsisolator. Jeder Kondensator, jeder Widerstand, jeder Mikrochip ist ein keramisches Bauteil.
Prof. Bullinger: Das werden wir weiter ausbauen, aber das braucht Zeit. Wir müssen auf die Unternehmen zugehen und es ist gerade hier so, dass sich gemessen an der Wirtschaftsstruktur sehr viele mittelständische Unternehmen herausgebildet haben. Gerade für diese Unternehmen, die sich keine großen Forschungsabteilungen leisten können, ist eine Organisation wie die Fraunhofer Gesellschaft besonders wichtig. So macht eine Kooperation auch für die Wirtschaftsstruktur Sinn.
Das Interview führte Chefredakteur Daniel Bormke
Weiterführende Links: http://www.hitk.de
